Karriere in der Festival-Industrie | Umweg ist King
konkrete Tipps, ehrliche Geschichten und direkte Schritte für deine Karriere in der Musik-Branche
„Ich stell mir alle paar Jahre die Sinnes-Frage. Bin ich hier richtig?
Mach ich das richtig? Fühlt sich das gerade gut an?“
Oktay Can
(Business Development Manager Paylogic | See Tickets)
“Wie verlaufen Karrieren?” Das ist für mich eine der spannendsten Fragen. Im Prinzip kann man sie auch mit der Frage “Wie verlaufen Leben?” ersetzen. Gerade, wenn man in der Musikindustrie arbeitet, wo der Beruf und das Leben oft verwoben sind. Musik bedeutet für die meisten von uns Leidenschaft - und für die opfert man manchmal auch mehr als 40 Stunden pro Woche. Wo hört Hobby auf? Wo beginnt Beruf? Die Grenzen sind fließend. Im letzten Newsletter hab ich mir die Fragen gestellt, die Oktay oben aufwirft und das ganze ist dann im “Warum podcaste ich seit 9 Jahren?”-Monolog ausgeartet. Jedes Leben ist einzigartig und spannend und deshalb liebe ich es sehr, dass ich Gäste immer wieder ausfragen darf - in dieser Folge sogar vor Publikum auf der Event-Messe “Future of Festivals”. Zu Gast: Evelyn Sieber (Head of Sales & Partnerships beim Reeperbahn Festival) und Oktay Can (Business Development Manager bei Paylogic | See Tickets). Spoiler: Beide Karrieren sind nicht gradlinig auf den Eventbereich zugesteuert. Ein Rezept: So landest du in der Musikindustrie gibt es eh nicht. Aber jede Biografie ist eine Inspiration:
5 Dinge, die wir aus dieser Folge lernen können
1. Sinnesfrage statt Karriereplan
Oktay bringt es auf den Punkt: Alle paar Jahre die Sinnesfrage stellen, ist entscheidend. Nicht im Sinne von panischer Neuorientierung, sondern als ehrliches Nachprüfen: Fühle ich mich noch wohl, habe ich noch Lust, wächst mein Verantwortungsbereich? Die Folge ist voll von Beispielen, wie radikale Entscheidungen funktionieren können. Oktay erzählt, wie er aus der Gastronomie ins Ticketing gewechselt ist, weil er rausgefunden hat, dass Sales und Menschenkontakt seine Stärke sind.
Das ist ein gutes Mantra für jeden, der unzufrieden oder unsicher ist. Die Antwort muss nicht sofort ein Jobwechsel sein. Manchmal heißt die nächste Handlung: ein Nebenprojekt starten, ein Praktikum machen oder für ein halbes Jahr ins Ausland gehen. Wichtig ist diese Haltung: prüfen, experimentieren, entscheiden.
2. Ticketing und die Macht der Daten
Oktay erklärt sehr praktisch, warum White-Label-Ticketing für Veranstaltende interessant ist: Auszahlungsschnittstellen, Ownership über Kundendaten und Integrationen in CRM- und Marketing-Tools. Daten sammeln allein ist nutzlos, wenn du sie nicht verstehst und nicht nutzt. Paylogic positioniert sich als Schnittstelle, die Daten zugänglich macht und Veranstaltenden Kontrolle zurückgibt.
Für Festivals heißt das: Wer seine Zielgruppe kennt, kann Angebote schaffen, die tatsächlich verkauft werden. Evelyn erzählt, wie das Reeperbahn Festival versucht, Kuratierung und exklusive Formate zu bieten, damit Musikindustrie-Leute nicht nur nach Hamburg reisen, um sich dann das “Gratis-Programm” in den Kneipen St. Paulis zu gönnen.
3. Festivals als echte Experience und Sehnsucht nach Echtheit
Wir sprechen darüber, dass Live-Events weit mehr sind als die Musik alleine. Festivals und Konzerte erzeugen Zugehörigkeit, Erinnerungen und reale Begegnungen. Nach Corona, nach Jahren mit digitalem Konsum, wird die Nachfrage nach realen, unverfälschten Erlebnissen wieder steigen. Das heißt für Veranstaltende: Erlebnisdesign wird wichtiger als reine Actsliste.
„Wir haben eine Generation, die ohne Konzertgänge und Festival-Besuche aufgewachsen ist. Ich glaub aber, dass da ein Wunsch nach Echtheit
entstehen wird.“
Evelyn Sieber (Head of Sales & Partnerships beim Reeperbahn Festival)
Das bedeutet auch, dass die Branche sich mehr um das Drumherum kümmern muss: Nachhaltigkeit, faire Arbeitsbedingungen und eine Atmosphäre, in der Menschen wieder gern zusammenkommen. Ein gutes Festival ist ein soziales Produkt, keine rein kommerzielle Veranstaltung.
4. Wie du in die Branche kommst: Netzwerken, Praktika, Community
Evelyn und Oktay wiederholen einen einfachen Punkt: Die Livebranche lebt vom Netzwerk. Praktika, Mentoring-Programme, Verbände und Messebesuche sind oft die Türöffner. Es reicht nicht, nur auf Stellenausschreibungen zu starren. Geh hin, frag Leute, biete Hilfe an und zeig Interesse.
Für junge Menschen ist eine Ausbildung in Veranstaltungsmanagement oder ein Ausbildungsplatz in Clubs eine starke Basis. Die Leute, die heute als Nachwuchs rausgehen, kennen Venues, Betreiber:innen und Festivals in- und auswendig. Das ist unbezahlbares Kapital.
5. Zukunftsfähige Skills: KI, Tech und Menschlichkeit
KI und Automatisierung sind ein Thema, das immer wieder fällt. Beide Gäste sind sich einig: KI wird vielerorts Routineaufgaben übernehmen, aber sie kann menschliche Beziehungen nicht ersetzen. Skills, die in den nächsten Jahren wichtig werden, sind also eine Kombination aus Tech-Verständnis und stark ausgeprägter Sozialkompetenz.
Wer heute in die Branche einsteigt, sollte Tech-Grundkenntnisse mitbringen oder sich aneignen, gleichzeitig aber die Fähigkeit, mit Menschen zu arbeiten, Netzwerke zu knüpfen und kreative Lösungen zu entwickeln. Die Balance entscheidet.
Mehr lernst du in dieser Folge ThemaTakt!
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Ich freu mich schon in genau einer Woche in Köln auf der C/o-Pop zu sein. Bist du auch am Start? Antworte mir kurz auf die Mail und vielleicht schaffen wir es auf einen Kaffee. Am Donnerstag (16.04.) um 13:15 werde ich im Cinenova (Stage 2) mit Live mit Kristof Jansen (Vice President Groove Attack) sprechen. Ich freu mich, wenn du rumkommst! (Dominique Casimir musste leider absagen, aber das Interview holen wir nach!)
Vielen Dank fürs Lesen und bis bald!
Tobias Wilinski (ThemaTakt-Host)
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