Support ist mehr als Applaus: Was Allyship in der Musik wirklich heißt
Echte Allyship ist praktisch, unbequem und kein PR-Gag. Drei Schritte, mit denen du heute anfangen kannst.
„Gerade Privilegierte Menschen müssen lernen, betroffenen Menschen zuzuhören. Und das nicht nur im Black History Month.“
JNNRHNDRXX (Artist)
Als ich Yannick Niang beim mir im ThemaTakt-Interview war, ging es unter anderem, um seine Empfindungen, ob eine Booking-Anfrage ernstgemeintes Interesse oder Tokenismus ist. Die ganze Diskussion (und weil wir uns einfach sehr gern haben) hat uns dazu bewegt, ein Panel auf der Konferenz Most Wanted:Music zu organisieren. Mit der Unterstützung von Lina Burghausen (die ihr auch im RBF Deep Dive-Podcast hören könnt) und den Gästen JNNNRHNDRXX (Artist), Tina Wedmann (Collective Spotlight & Initiative Musik) und Fikri Anıl Altıntaş (Autor & Aktivist) ging es in unserem Talk, um die Frage: Wie kann gute Allyship in der Musikindustrie aussehen?
Hier sind ein paar Antworten aus der Folge:
Allyship in der Musikindustrie
1. Allyship heißt zuhören und Verantwortung übernehmen
Zuhören ist die Basis. Als nicht-betroffene Person Ally zu sein heißt, die eigene Rolle zu reflektieren, Kritik ernst zu nehmen und nicht in Verteidigungsmodi zu verfallen. Wer wirklich unterstützen will, gibt Raum.
Verantwortung übernehmen bedeutet auch, andere Männer zur Rechenschaft zu ziehen. Viele Frauen und marginalisierte Menschen werden seit Jahren gehört, aber nicht ernst genommen. Wenn Männer sich solidarisieren, sollten sie aktiv Strukturen infrage stellen und Handlungen folgen lassen.
2. Performative Allyship entlarven und vermeiden
Wir haben auch über Tokenismus und Show-Allyship gesprochen: Pride-Flagge posten, auf der Bühne kurz Solidarität signalisieren und gleichzeitig mit problematischen Künstlern kollaborieren. Das ist keine echte Allyship.
Echte Allyship zeigt sich in Konsequenz. Es ist weniger das laute Statement vor der Kamera, sondern die dauerhafte Praxis: Leute empfehlen, Kolleginnen buchen, kritisches Verhalten ansprechen, Ressourcen verschieben. Wenn jemand Kritik nicht annehmen kann, ist das ein klares Zeichen, dass es nicht ernst gemeint ist.
3. Festivals und Bookings müssen strukturell verändert werden
Eine der häufigsten Ausreden ist, es gäbe “nicht genug” Künstlerinnen oder People of Color. Das ist meistens Bullshit. Viele Festivals haben einfach homogene Booking-Teams. Wenn Booking-Teams diverser werden, wird auch der Lineup-Mix diverser.
Praktische Ideen: Booking-Teams diverser besetzen, Kollektive und kuratierte Bühnen vergeben oder aktiv nach Empfehlungen fragen. Und: Wer bucht, sollte nicht nur an den günstigsten Act denken, sondern an die Sicherheit und Sichtbarkeit von marginalisierten Künstlerinnen.
4. Sicherheit, Kompensation und Ressourcen gerecht verteilen
Diversity kostet oft Geld, und das ist nichts Schlechtes. Kompensation für Unsicherheitsfaktoren und faire Bezahlung sind Teil von echtem Support.
Außerdem brauchen viele Künstler:innen und marginalisierte Kolleg:innen andere Ressourcen: einen eigenen Backstage-Raum, Honorare für zusätzliche Betreuung, oder Aufwandsentschädigungen. Diese Mehrausgaben sind Investitionen in echte Inklusion, nicht bloßes Luxusgehabe.
5. Solidarität unter Betroffenen ist mächtig und sichtbar
Support ist kein Mord. Kollegiale Netzwerke, gegenseitiges Pushen und Credits verteilen funktionieren. Wenn Künstler:innen sich gegenseitig empfehlen oder zusammen auftreten, steigt die Sichtbarkeit deutlich.
Gleichzeitig entkräftet das das Narrativ von Konkurrenz. Wenn Menschen in marginalisierten Gruppen sich unterstützen statt sich gegenseitig auszustechen, entsteht Raum für nachhaltige Karrieren und echte Sichtbarkeit. Das gilt auch für Panels, Jurys und Festivalbühnen.
Handlungsempfehlungen für deine persönliche Allyship
1. Audit: Schau dir dein Booking- oder Playlist-Verhalten an
Überprüfe die letzten 12 Monate. Wie divers sind die Acts, Features oder Empfehlungen, die du gemacht hast? Dokumentieren schafft Bewusstsein.
2. Empfehlung statt Token
Wenn du gebucht wirst oder Ressourcen hast, frag aktiv: Wen kann ich mitbringen? Empfehle gezielt Menschen aus marginalisierten Netzwerken und buche sie mit.
3. Kompetenz statt Self-Branding
Wenn du als Ally posten willst, sei vorbereitet. Rechne damit, dass es Fragen und Kritik geben kann. Wenn du nicht die Zeit oder Kapazität hast, das auszuhalten, verzichte lieber auf den öffentlichen Akt und unterstütze offline.
4. Sorge für Sicherheit und faire Bezahlung
Wenn du Veranstalter bist, plane ein Budget für Sicherheitsmaßnahmen und gegebenenfalls höhere Gagen ein. Das ist Teil der Verantwortung.
5. Accountability:
Wenn du in einer privilegierten Position bist, sprich andere Männer auf problematisches Verhalten an und interveniere öffentlich, wenn nötig. Halte nicht nur Solidaritäts-Statements ab, sondern handle.
6. Credits und Sichtbarkeit teilen
Nenne Quellen, gib Kolleginnen Shoutouts und verlinke sie. Sichtbarkeit kann konkret Karrieren fördern.
Echtes Allyship ist praktisch und dauerhaft. Es ist kein One-off-Post oder eine PR-Masche. Wer wirklich unterstützen will, ändert seine Handlungen, seine Budgetentscheidungen und sein Booking-Verhalten. Sichtbarkeit ohne Verantwortung ist am Ende nur Applaus.
Mehr Infos gibt’s in dieser Folge ThemaTakt!
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Lesetipps:
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Tobias Wilinski (ThemaTakt-Host)


