Warum ich seit 9 Jahren podcaste
Wie hat sich die Beziehung zu meinem Podcast in den letzten Jahren verändert? Was gibt er mir? Wie geht's weiter?
„Ich stell mir alle paar Jahre die Sinnes-Frage. Bin ich hier richtig?
Mach ich das richtig? Fühlt sich das gerade gut an?“
Oktay Can
(Business Development Manager Paylogic | See tickets)
Vorgestern vor 9 Jahren habe ich die erste ThemaTakt-Folge veröffentlicht. Streng genommen waren es drei Folgen (ein Interview mit Patrice, eins mit Disarstar und eins mit mir selbst - das ich mir seit Jahren nicht mehr angehört habe, weil es mir mittlerweile zu cringe ist…). Warum gleich drei Folgen? Ich hatte ein Jahr vor Veröffentlichung (also 2016) meine Bachelor-Arbeit über Hürden und Potenziale in der Monetarisierung von Podcasting geschrieben. Damals wussten noch nicht so viele, was ein Podcast eigentlich ist. Das sollte sich aber relativ schnell ändern: Spotify hatte Olli Schulz und Jan Böhmermann zu dem Zeitpunkt gerade eingekauft.
In der Recherche für meine Bachelor-Arbeit hatte ich eben rausgefunden, dass wenn ich mit drei Folgen starte, ich viel mehr Downloads erzielen würde und so leichter die Apple Podcast-Charts stürmen würde. Das war natürlich viel schwieriger als gedacht. Rückblickend habe ich teilweise auch ziemlich dumme Entscheidungen getroffen (beispielsweise habe ich ThemaTatk nochmal zusätzlich bei Soundcloud hochgeladen, weil sich der Player bei Facebook direkt abspielen ließ).
Eine zeitlang war mein Plan, drei Podcasts zu verschiedenen Themen zu produzieren - daraus wurde aber nichts. Die Einnahmen durch Steady und Patreon waren auch geringer als ich dachte. Deswegen habe ich mir nach ein paar Monaten ohne Einkommen einen Job bei Radio Fritz gesucht. Beziehungsweise hat er mich gefunden (s/o an Headhunter Arne Lehrke).
Es gab teils auch Phasen, in denen ich mich kaum motivieren konnte, an ThemaTakt zu arbeiten. Das lag an ganz verschiedenen Gründen. Als wir 2020 im Lockdown saßen, hatte ich einfach keine Lust auf Remote-Interviews mit blechernem Sound. Rückblickend hätte ich wahrscheinlich gerade in diesem Jahr den Erfolg (sprich Abrufe) steigern können. Im Januar 2020 hatte ThemaTakt nämlich die meisten Downloads ever. Aber am Ende entwickelt sich meine Beziehung zu meinem Podcast Jahr für Jahr.
Vom Musik- zum HipHop-Business-Podcast
2017 war ThemaTakt mein Baby. Und es sollte natürlich alles können “Musik-Interview-Podcast” war damals der Untertitel. Inspiriert von meinem Ex-Genius Kollegen Shawn Setaro und seinem Podcast “The Cipher” (RIP), wollte ich Leute aus der Musik-Industrie interviewen, aber vor allem Musiker:innen - auch für die Reichweite. Aber das Game veränderte sich: Früher war es so, dass die Juice (RIP) beispielsweise große Artists interviewen konnte, wenn sie im Gegenzug auch kleinen Artists eine Plattform bot (beide Artists beim selben Label bzw. Promo-Agentur). Dann kamen Snapchat und Insta-Stories und plötzlich gab es viele spannende, erfolgreiche Artists, die kein einziges Interview gaben, weil sie es nicht brauchten. Und die Artists, die Interviews gaben, gaben dann sehr viele. Sodass ich mir irgendwann Fragen stellte: Auch, wenn es Spaß gemacht hat, braucht es noch ein ThemaTakt-Fatoni-Interview, wenn in den letzten Wochen schon fünf anderen Audio-/Video-Interviews von ihm rausgekommen sind? Gibt es mir und der “Medien-Landschaft” nicht mehr, wenn ich stattdessen eine Person interviewe, die selten in der Öffentlichkeit spricht - vielleicht noch nie ein Interview gegeben hat…?
Der Aufwand ist egal
Und so hat sich mein Podcast-Baby entwickelt und spezialisiert. Vom “HipHop-Interview”- zum “HipHop- und Musikbusiness-Podcast”. 2021 hatte ich Lust, Beiträge zu basteln. So nennt man es beim Radio beispielsweise, wenn man ein Skript schreibt, und einspricht und zwischendrin immer wieder O-Töne von Gästen einbaut. (Ich komm ja aus dem Radio und hab 2011 vor meinem Studium knapp ein Jahr bei Radio Lippewelle Hamm gearbeitet.) Diese Folgen hießen ”Musikbusiness-Trends 2021” oder ”Tipps für Künstler:innen”. Sie waren sehr aufwendig, aber meine Rechnung war: Wenn ich 9 Leute im Beitrag zu Wort kommen lasse und alle teilen diese… die Folge explodiert! Ich sag mal so: “explodiert” trifft es nicht ganz. Überraschenderweise hatten die Folgen mit vielen Gäst:innen oft weniger Abrufe als die Folgen mit einer einzigen Person im Interview. Woran liegt das? Erstens: Leute kennen und mögen Gesprächs-Podcasts. Zweitens: Leute klicken nur, wenn sie wissen, was sie bekommen. Das merke ich auch in meiner jetzigen Arbeit als YouTube-Redakteur beim rbb. Die größte Aufgabe ist es, die Inhalte so zu verpacken, dass Leute anhand von Titel und Bild erkennen, was sie erwartet. Das ist bei Podcasts nicht viel anders, wobei das Bild auf manchen Plattformen so winzig ist, dass es leider keine große Hilfe ist.
Aufwendige Folgen liefen also nicht dem Arbeitsaufwand entsprechend. Schlimm? Nein. Schade war das, klar. Aber ich musste mir hier wieder die Frage stellen: Warum mach ich das eigentlich? Und zwei große Motivatoren waren schon immer: Weil es mir Spaß macht und weil ich lerne. Ich lerne wie das Musik-Business funktioniert, lerne Technik (Welche Mikros sind gut? Wie reduziere ich Hall?…) und vor allem lerne ich Menschen kennen. Bestes Beispiel: Head of TuneCore Germany Colin Eger. Nach dem ich ihn interviewt hatte, sind wir in Kontakt geblieben. Ich hatte ihn auch zu meinem Geburtstag eingeladen, wir sind gute Freunde geworden und (Spoiler) zwei Jahre später war er mein Trauzeuge (zusammen mit Freddy, den ihr in der allerersten ThemaTakt-Folge hört).
Und dann waren es drei Podcasts
Meine Arbeit macht mir Spaß, wenn ich neues ausprobieren kann. 2021 habe ich einen ThemaTakt-Newsletter gestartet. In dem hatte ich vor allem Musikbusiness-News zusammengefasst. Dann ist mir aufgefallen, dass ich das ganze ja auch einsprechen und als Folge veröffentlichen könnte: “Das Musik-Business-Update”. Gleichzeitig wollte ich aber auch wieder mehr über Musik und nicht über Business sprechen. Geboren war der Spotify Music+Talk (RIP) Podcast “ThemaTakt-Radio”. Und dann war ich auch noch Co-Host vom “Talk This Way”-Podcast. Den hatte ich zusammen mit Patrick Thiede gestartet, nachdem ich Patrick bei ThemaTakt zu Gast hatte und meinte, dass ich ganz gerne mehr Podcasts - auch für Labels - produzieren würde. (Patricks Label heißt “Walk This Way Records”.) Bei “Talk This Way” musste ich “nur” moderieren. Um den (Video-)Schnitt kümmerten sich die Kollegen. Das war traumhaft. Aber, dass ich drei Podcasts genügend Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe entgegenbringen könnte - ohne diese Liebe zu verlieren, weil mich die Arbeit an den Projekten zu sehr stresst… das war ambitioniert. Aber ich hatte Spaß und war motiviert.
Reality Check: Es gibt Wichtigeres
Meine Motivation habe ich kurz darauf komplett verloren. Bei meiner Frau (damals Freundin) wurde Krebs diagnostiziert. Ob der lebensbedrohlich sein könnte, war erstmal nicht klar. Die Monate nach der Diagnose gehörten zu unseren härtesten. Die Frage: “Warum mach ich den Podcast überhaupt?”, konnte ich in der Zeit nicht beantworten. Erst dachte ich, dass die Arbeit daran, mich etwas ablenken könnte. Aber am Ende saß ich wie paralysiert vorm Rechner. Mein Podcast schien mir im Vergleich zu allem anderen in meinem Leben einfach nur unwichtig. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu schreiben. Und mir kommen auch jetzt die Tränen, wenn ich an die Zeit zurückdenke, die ich mir so anders für meine Frau gewünscht hätte. Es folgten OP und Therapie und heute gilt meine Frau zum Glück als geheilt. Aber, dass man sich bei Krebs darauf nicht “ausruhen” kann, ist klar. So bleibt eine gewisse Angst. Wahrscheinlich ein Leben lang.
Erwachsen werden
Eine Folge im März, die nächste im Juni… ein Blick auf die Episoden 2022 zeigt: Da war gar keine Konstanz. Das lag aber auch am “Talk This Way”-Podcast. Für den produzierten wir 11 Folgen und veröffentlichten 10 (ein Artist hatte juristische Probleme mit seinem Management, sodass eine Folge nie erschien und vermutlich auch nicht mehr aufgetaut wird). 2023 war ich aber wieder Top-motiviert und dachte, ich würde den Spotify-Algorithmus knacken, die Charts stürmen, indem ich wöchentlich veröffentliche. Dafür habe ich das Shuko-Interview sogar in drei Teile geschnitten. (Vielleicht etwas zu viel des Guten.) Es war das erste Mal, dass ich eine ThemaTakt-Staffel produzierte, Themenschwerpunkte setzte und einen Veröffentlichungsplan erstellte. Und dann, war ThemaTakt nicht mehr mein einziges Baby. Denn dann kam unser Baby.
Family (and friends) first
“In den drei Monaten Elternzeit kann ich bestimmt auch gut ein paar Folgen aufnehmen.” Habe ich naiv gedacht. Nichts habe ich geschissen bekommen (außer Windeln.) Keine ThemaTakt-Folge zwischen Oktober und Mai. Mit sieben Monaten meine längste Podcast-Pause aller Zeiten. Aber es war okay.
Nichts hat mein Leben so schnell, so radikal verändert, wie Papa sein. Gerade im ersten Jahr mussten wir unser Leben auf vielen Ebenen umstellen. Zeit wurde auf einmal sehr viel kostbarer. (Schlaf auch). “Jetzt ne Folge aufnehmen?” - der Gedanke kam mir erstmal nicht. Lieber eine Freundin auf einen Kaffee treffen, mit Colin zum Basketball oder mit unserem schlafenden Baby auf die Couch kuscheln.
“Hilft dir deine Familie mit dem Arbeitsstress besser umzugehen, weil du ihn besser einordnen kannst?” Die Frage stelle ich Believe-Verlagschefin Alex Ziem im Interview. Ihr war im Verlauf ihres Lebens aufgefallen, dass der Job eher ein Game ist. Was wirklich zählt ist, dass es der Familie gut geht. Das alle gesund sind.
Gesunde Beziehung zum Podcast entwickeln
Ich würde sagen, dass ich in den letzten Jahren eine gesündere Beziehung zu meinem Podcast habe. Es ist für mich immer ein Spagat: Ich muss ThemaTakt eine gewisse Wichtigkeit in meinem Leben geben - weil ich sonst auch gleich aufhören könnte, Folgen zu veröffentlichen. Gleichzeitig darf ich den Podcast auch nicht zu ernst nehmen. Sonst liege ich abends im Bett und statt zu schlafen, mache ich mir unnötige Gedanken. Denn: In der Medien-Branche ist es sehr leicht frustriert zu sein. Man kann schnell eifersüchtig werden. Kurz durch Insta scrollen und Fragen ploppen auf: Warum war ich nicht zu dem Event eingeladen? Ich wollte doch auch xy interviewen, warum wurde meine Anfrage abgelehnt? Der ist für Award XY nominiert - warum ich nicht? - Klingt alles recht selbstmitleidig… ist es auch. Aber ein Gefühl, dass ich nicht ablegen konnte: Wenn ich für ThemaTakt schon kaum Geld bekomme, dann doch wenigstens Anerkennung. Und die bekam ich dann auch.
And the winner is…
Über die Jahre hinweg habe ich ThemaTakt immer wieder für Preise eingereicht. Komplett alleine einen Podcast zu starten, auf ein hohes Niveau zu bringen (inklusive gebauten Beiträgen!) und so lange durchzuziehen… Wer hat solche Kombos? Trotzdem war ich 2024 überrascht als ich tatsächlich neben Kat Ott-Alavi, Lena Kampf und Daniel Drepper für den Listen to Berlin-Award nominiert war. Chancen habe ich mir da wirklich keine ausgerechnet. Für mich war es schon eine große Anerkennung nach über sieben Jahren endlich mal für irgendwas nominiert zu sein. Als bei der Preisverleihung dann mein Name genannt wurde, konnte ich es nicht glauben. Und selbst heute muss ich mir manchmal sagen: “Du hast echt einen Preis gewonnen!”
Am Ziel?
Als ich den Preis gewann, war ich gerade wieder in Elternzeit. In den ersten drei Monaten Elternzeit nach Geburt habe ich (wie gesagt) gar nichts veröffentlicht. Diesmal hatte ich in der Zwischenzeit vorgearbeitet und konnte trotz Elternzeit monatlich veröffentlichen. Um ehrlich zu sein, war ich, als ich gerade nachgeschaut habe, selbst positiv überrascht: Seit Mai 2024 konnte ich jeden Monat mindestens eine Folge veröffentlichen. Kein wöchentlicher Release wie damals, aber auch keine Pause. Und es fühlt sich gerade genau richtig an.
Warum mach ich das noch?
Warum podcaste ich (immer noch)? Es sind ganz viele Gründe: ThemaTakt ist meine Spielwiese. Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie umsetzen und veröffentlichen: Ein neues Folgen-Format, Interviews mit zwei Kameras für YouTube, einen Newsletter in dem ich meine Lebensgeschichte erzähle - raus damit! Der Podcast gibt mir eine gewisse Freiheit, mit der ich mittlerweile gut umgehen kann (aus der schieren Menge an Möglichkeiten auszuwählen, hat mich aber auch schon manchmal überfordert). Durch ThemaTakt kann ich Menschen und wichtigen Themen eine Bühne geben und hoffe, dass ich so die Gesellschaft oder zumindest die Musikbranche positiv beeinflussen kann. Es macht mir einfach Spaß neue Leute kennenzulernen und ihre Lebensgeschichten kennenzulernen. (Das ging damals Easy auf WG-Partys - jetzt brauch ich dafür nen Podcast…) Und, wenn daraus sogar Freundschaften (oder Trauzeugen) entstehen, umso schöner.
Ein Ziel: Mehr Geld mit dem Podcast einnehmen, damit ich Kosten decken, Zeit investieren kann und das Finanzamt mich nicht als Hobby-Podcaster abspeist. Im letzten Jahr war mein Fokus auf Live-Podcasts, die eine gute Einnahmequelle geworden sind, aber in Zukunft werde ich Merch veröffentlichen und Steady und Substack als Einnahmequellen aufbauen. Wenn du mir einen Geburtstagskuchen spendieren willst: Hier ist meine PayPal-Spendentasse.
TL:DR - Was ich dir mit diesem Post mitgeben will
Eigentlich wollte ich nur kurz die Newsletter-Einleitung zur Folge “Dein Weg in die Festival-Branche” schreiben. Dann hat es mir so viel Spaß gemacht, dass ich doch ein kleines bisschen mehr erzählt habe.
Egal ob Artists, Podcaster oder einfach Kreativ: Brennst du dafür ein Projekt (Podcast, eigene Musik, YouTube-Kanal) zu starten, dann mach es! Plan nicht zu lange, sondern veröffentliche lieber und schau dann, wo du noch Dinge verbessern kannst. Und in den nächsten Monaten und Jahren: Arbeite an einer gesunden Beziehung zu deinem Projekt. Frag dich von Zeit zu Zeit: Macht mir das immer noch Spaß? Falls nicht, was muss (s)ich ändern? Wo sollte ich den Fokus in Zukunft setzen? Rückblickend ist es schade, wenn du dein (gutes) Projekt einstellen musst, weil es dich ankotzt. Das lässt sich mit der Beziehungsarbeit glaube ich vermeiden. Vielleicht startet es mit einem Podcast und entwickelt sich dann zu einem Community-Event. Oder umgekehrt (S/o Der Rapstammtisch).
Mir persönlich macht Social Media immer weniger Spaß. Ohne Instagram ist es aber leider schwierig größere Reichweiten zu erzielen. Hier muss ich noch einen guten Umgang finden. Meine Beziehung zu ThemaTakt hat sich in den letzten 9 Jahren immer wieder geändert - so wie mein Leben. Und ich denke, dass das in den nächsten 9 Jahren auch so sein wird. Ohne Änderungen wäre es auch langweilig.
Wenn du schon ein Projekt hast (oder mehrere). Nimm dir jetzt mal eine Minute, Blick darauf zurück, realisier wie viel Arbeit, Liebe und Spaß du dareingesteckt hast, was du dadurch gelernt hast und egal wie viele Klicks oder Likes du dafür gesammelt hast, erlaub dir einfach mal stolz zu sein. Auf dich und dein Baby.
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Tobias Wilinski (ThemaTakt-Host)











